Schlagwort: Europameisterschaft

  • Schotterplatz #14 Walerij Lobanowskyj – ein Porträt

    Schotterplatz #14 Walerij Lobanowskyj – ein Porträt

    In Westeuropa assoziiert man mit Valery Lobanowski (so die verbreitete westeuropäische Schreibweise) einen dicklichen, schweigenden Mann mit Schiebermütze und Pausbacken. Eine Art Boris Jelzin an der Seitenlinie. 

    Bei Lobanowski ging anderes als Wodka durch den Kopf

    Lobanowski war die Trainerkoryphäe hinter dem Eisernen Vorhang. Der Ukrainer war ab der Saison 1974 17 Jahre für Dynamo Kiew aktiv. Er war der erste, der Rasenschach spielte, der eigene Spielsysteme entwickelte und die Art des Trainings revolutionierte. Er war seiner Zeit weit voraus. Vielleicht manchmal ein kleines Stück zu weit.

    Ihm gelang es, die russische Dominanz im sowjetischen Fußball zu brechen. Er war wissbegierig und saugte alles auf, was der Sport seinerzeit zu bieten hatte. Er hospitierte Anfang der 70er Jahre bei den führenden deutschen Teams Bayern München und Borussia Mönchengladbach. Er analysierte, kopierte und modifizierte verschiedene Elemente ihres Fußballspiels. 

    Ein Vor- und Querdenker

    Schließlich entwickelte er ein eigenes System. Er löste die damals wichtige Position des Liberos auf und führte eine doppelte Viererkette ein (4-4-2). Ein Nachteil für jedes Team, das mit Libero spielte – wie es bis in die späten 80er Jahre fast alle taten. Der Libero agierte als einziger ohne direkten Gegenspieler, während ihm der Rest der Mannschaft durch eine Manndeckung den nötigen Platz verschaffte.

    Lobanowski knackte das System, indem er mit zwei Viererketten und davor zwei Stürmern spielte. Das etwas statische System um den Libero herum wurde durch ein sehr flexibles Mittelfeld, das keine festen Gegenspieler, sondern Räume abdeckte, überwunden. Die Gegner wetzten ständig konfus Lobanowskis Spielern hinterher. Dieses neuartige System brauchte passende Spieler. Lobanowski legte auf Vielseitigkeit wert: Verteidiger mussten Tore schießen und seine Stürmer verteidigen können. Eigenschaften, die nach wie vor sehr gefragt sind – denn die Grundform 4-4-2 ist bis heute das vorherrschende Spielsystem.

    Vorbild für die ganz Großen

    Lobanowskis größter Erfolg: der zweite Platz bei der EM 1988, den er in Doppelfunktion als Dynamo- und Nationaltrainer mit der Sowjet-Nationalmannschaft erreichte. Erst im Finale mussten sich die „Roten Sputniks“ den Niederländern geschlagen geben, die im Vorrundenspiel noch besiegt wurden.  

    Trainer wie Arrigo Sacchi, Franz Beckenbauer, Thomas Tuchel und Ralf Ragnick zählen Lobanowski zu ihren großen Vorbildern. Vor allem die offensive und attraktive Spielweise der Niederländer, der „Voetbal Totaal“, war durch Spielsysteme inspiriert, die Lobanowski schon früh entwickelte. 

    Visionär im Sozialismus

    Seine visionären Ideen betrafen auch die Trainingssteuerung. Neben einem riesigen Trainerstab, der obendrein andere Sowjet- Athleten betreute, holte er sich den Physik-Professor und Dozenten am Kiewer Institut für Körperkultur, Anatoli Zelentsow, mit ins Boot. Sie durchleuchteten das scheinbar ungeordnete Spiel nach wissenschaftlichen Kriterien.

    In das Trainingszentrum von Dynamo Kiew zog damalige Hochtechnologie ein. Parameter aus dem Trainingsprogramm für sowjetische Kosmonauten werden zum Übungsaufbau herangezogen. Druckkammern, die Höhenluft bis zu 7000 Metern simulierten, beschleunigten die Rehabilitation verletzter Spieler. Über die Fitness wachte Professor Zelentsow, der den aktiven Spielern jeden Morgen die Werte abverlangte und dem kein Bier vom Vortag verborgen blieb. 

    Der Trainer und sein Professor

    Computer wurden gespickt, riesige Datenbanken angelegt, später kamen umfangreiche Archive zahlreicher Magazin- und Fachzeitschriften sowie jede Menge Videomaterial hinzu. Mit Hilfe dieser Daten wurden Gegner analysiert und die jeweilige Taktik zusammengetüftelt. Lobanowski überließ nichts dem Zufall. In Zusammenarbeit mit Zelentsow wurden individuelle Trainingspläne erstellt. Er „formte“ sich die Spieler, die er für sein Spielsystem brauchte. Mit eiserner Disziplin.

    Diese wissenschaftliche und analytische Herangehensweise funktionierte: 1975 wollte Coach Lobanowski sein Dynamo-Team aus Furcht vor einer Blamage zu den Spielen um den europäischen Supercup gar nicht antreten lassen. Selenzow nahm dem Freund die Versagensangst mit dem Hinweis auf die errechneten Daten. Der Gegner werde zum Zeitpunkt des Anpfiffs nicht fit genug sein. Lobanowski gab nach und Dynamo gewann 1:0 und 2:0 gegen Bayern München. 

    Erst verschrottet, dann kopiert

    Nach dem Niedergang der Sowjetunion wurden kritische Stimmen laut und behaupteten, Valery Lobanowski forme in seinem Labor Spieler zu Robotern. Im Laufe der 90er Jahre wurden die seltsamen Methoden des Duos verlacht: Lobanowskis ständige Taktikschulungen und Selenzows Datensammelwut plus seine speziellen Ernährungspläne wurden als schrullig empfunden und als veraltet abgetan. Sie verschwanden im Müll.

    Dabei sind es genau diese Methoden, mit denen heute jedes moderne Ausbildungszentrum arbeitet. Vitalchecks, individuelle Ernährungs- und Trainingspläne gehören zum Standard des Profi-Daseins. 

    Kein Interesse an der ehemaligen Konkurrenz

    Lobanowski blieb vorerst in Kiew, auch wenn ihn viele seiner Schützlinge im Zuge der Perestroika gen Westen verließen. Er wollte nicht in eine der Ligen des Westens. Auch wenn großes Interesse an seinem Wissen und seiner Arbeit bestand.

    Ihn konnten nur die Herrscher und Scheichs der Emirate und Kuwaits mit Gold und Dollars locken, um mit ihm ein Fußball-Reich im Morgenland aufzubauen. Dennoch interessierte ihn vorrangig, wie bei den großen Clubs in Europa gearbeitet wurde. Er wollte stets über Neuerungen in der Trainingssteuerung und die „modernen“ Taktiken Bescheid wissen. Zurückgezogen verfolgte er die Spiele der Champions League. Weil Lobanowski „richtiger Fußball“ liebte und lebte, verließ er den Orient samt seinem Luxus schon nach zwei Jahren wieder.

    Lobanowskis letzte Rückkehr nach Kiew

    Sein alter Club in  Kiew rief 1997 nach Hilfe. Nach einem Bestechungsskandal war Dynamo vom internationalen Wettbewerb suspendiert worden. Der mittlerweile 58-jährige Lobanowski erwies sich als Retter in der Not und brachte den Club wieder auf die Spur. 1999 erreichte Kiew das Halbfinale der Champions League und schied nur knapp gegen den FC Bayern München aus. Im Jahr 2000 übernahm Lobanowski zum dritten und letzten Mal die Ukrainische Nationalmannschaft. Er starb am 13. Mai 2002 mit nur 63 Jahren an einem Schlaganfall. Auf der Trainerbank. Wo sonst?

  • Schotterplatz #13 Wer stößt im Sturm?

    Schotterplatz #13 Wer stößt im Sturm?

    Eine Frage die sich Jogi Löw jedes Spiel aufs Neue stellen muss. Die deutsche Nationalmannschaft hat keinen „richtigen“ Stürmer mehr.

    Keinen Stoßstürmer. Keinen Strafraumstürmer. Niemand, der vorne steht, Gegenspieler bindet und taktisch gekonnt Lücken reißt. Neuerdings auch Box-Stürmer genannt. Es fehlt Jemand, der den schnellen und dribbelstarken Spielern wie Timo Werner, Leroy Sané oder Serge Gnabri Räume öffnet, die sie nutzen können. Ach ja, Tore schießen sollte er als Stürmer auch können. Miroslav Klose war so jemand. Nachdem er nach dem WM-Triumph 2014 mit 36 Jahren unerwartet und viel zu früh zurückgetreten ist, fehlt dem DFB-Team ein Stoßstürmer. Möchte Löw in naher Zukunft einen Titel gewinnen, sollte er einen entsprechenden Spieler finden. 

    Es gibt diesen Stürmertyp in Deutschland kaum

    Es wird dünn, wenn man sich nach Kandidaten umschaut, die sofort helfen könnten. Da gibt es Davie Selke von Hertha BSC. Er war 2014 U19-Europameister und wurde zum besten Spieler des Turniers gewählt. Das klingt vielversprechend. Der mittlerweile 24-Jährige beweist jedoch jedes Wochenende aufs Neue, dass er kein Interesse an der vakanten Position hat. Anders ist sein Herumgestolpere nicht zu erklären. Im Moment ist er bei Hertha Stürmer Nr. 2 hinter dem 35- jährigen Vedad Ibisevic. 

    Wer käme noch in Frage?

    Ein richtiger Stoßstürmer war Selkes Vorgänger bei Hertha: Pierre-Michel Lasogga. Sein Name fiel damals häufiger, wenn es um die Zukunft im DFB Sturm ging. Der Spieler war aber mittlerweile leider Angestellter des HSV und wurde nach allen Regeln der Kunst verschlissen. Vor allem die Saison 2014/15 setzte ihm zu. Die Hamburger befanden sich im Abstiegskampf. Lasogga wurde Spiel um Spiel trotz muskulärer Verletzungen fit gespritzt. Der HSV durfte aufgrund seiner Tore vorerst in der Liga bleiben. Der Spieler hat sich aber nie wieder von dieser Tortur erholt. Mittlerweile spielt er in Katar beim Al-Arabi Sports Club. Dort leckt er in einer 4. klassigen Liga seine Wunden. Mit gerade einmal 27.

    Denkt man an einen anderen Strafraumspieler mit Physis und Bundesligaerfahrung, kommt einem noch Sandro Wagner in den Sinn. Doch dieser wurde von Löw erfolgreich vergrault. Der heute 31 jährige wurde vor der WM 2018 überraschenderweise ausgebootet. Der Bundestrainer entschied sich damals, nur Mario Gomez (a.k.a. Stolper-Gomez) als Strafraumspieler mitzunehmen. Eine umstrittene Entscheidung. Nach einem kurzen Intermezzo bei Bayern München flüchtete Wagner demonstrativ nach China. Hauptsache weit weg von Jogi Löw. 

    Die Zukunft im DFB Sturm sieht rosiger aus

    Was sagt denn die Zukunft? Es gibt durchaus Kandidaten, die sich für einen Platz im Sturm anbieten. Bewusst wird hier das Wort „Zukunft“ benutzt. Zu nennen wären Cedric Teuchert (22), Janni Serra (22), Aaron Seydel (22), Johannes Eggestein (21) und Jann Fiete Arp (19). Diese Spieler wissen zwar alle wo das Tor steht, aber sie sind jung und unerfahren. Löw braucht clevere Box-Stürmer. Eine Cleverness, die man sich erst aneignen muss. Zudem spielen nur Arp und Eggestein in der 1. Liga. 

    Es bietet sich bisher nur einer für Jogi an

    Jan-Fiete Arp hat vor der Saison auch noch den Selbstzerstörungsmechanismus betätigt. Das vielversprechende Talent ist mit 19 Jahren und der sagenhaften Erfahrung von 18 Bundesligaspielen und 2 Toren vom HSV zum FC Bayern München gewechselt. Dort spielt der momentan beste Stürmer weltweit: Robert Lewandowski. Momentan hält sich Fiete in der Reservemannschaft fit. 

    Kein Wunder, dass die Rufe nach dem Bremer Stürmer Eggestein lauter werden. Man kann auf Löws Reaktion gespannt sein. 2020 ist schon die Europameisterschaft. Bis dahin muss er wohl einen der oben genannten Spieler aufbauen. Nur erspare uns eines, Jogi: nimm nicht wieder Mario Gomez mit!!!  

    Gedankenspiel

    Man könnte versuchen, Robert Lewandowski mit viel Geld dazu bringen, sich einbürgern zu lassen. Dafür müsste der Pole jedoch vorweisen, dass er auf deutschem Territorium geboren ist. Oder ein Elternteil, oder ein Großelt…lassen wir das. Geschichtlich ganz dünnes Eis… Aber zum Glück erfüllt er die zweite Voraussetzung auch nicht. Er darf noch nicht für ein anderes Land gespielt haben. Er hat 2008 für Polen debütiert. Schade.