Kategorie: Internationaler Fußball

  • Schotterplatz #20 FC Chelsea: Erfolgreich trotz Transfersperre

    Schotterplatz #20 FC Chelsea: Erfolgreich trotz Transfersperre

    Chelsea musste nach der Auferlegung einer einjährigen Trans­fer­sperre der FIFA, „Auf­grund der Miss­ach­tung von Regu­la­rien bei der Ver­pflich­tung Min­der­jäh­riger“ auf kostspielige Transfers verzichten. Bis auf Real-Leih­gabe Mateo Kovačić, der noch fest ver­pflichtet werden durfte und Chris­tian Pulisic konnten die Blues per­so­nell nicht nach­legen.

    Chelsea: Keine Transfers? kein Problem!

    Also machten sie aus der Not eine Tugend und banden einige verliehene Jugendspieler in ihr Team ein. Diese zahlen das Vertrauen nun zurück. 

    Die heutigen Stammspieler und Leistungsträger Mason Mount Tammy Abraham und der Halb-Kanadier Fikayo Tomori kommen Jugend des englischen Erfolgsclubs. 

    Vereinsikone Lampard springt ein

    Für so ein Unterfangen benö­tigte es einen Trainer, der nicht nur den erfor­der­li­chen Kredit bei den Anhän­gern erhalten würde, son­dern auch einen Draht zur Jugend hatte. Vereinsikone Frank Lampard hatte zufälligerweise in der zweiten englischen Liga bei Derby Country erste Erfahrungen als Cheftrainer und setzte dabei vor allem auf eines: Die Jugend. 

    Calum Hudson-Odoi (18) oder Ver­tei­diger Reece James (19) stehen nach langen Ver­let­zungs­pausen zudem wei­tere sehr hoch geschätzte Aca­demy-Kom­mi­li­tonen bereit, denen eine ähn­lich rasante Ent­wick­lung pro­gnos­ti­ziert wird. 

    Der Mut des FC Chelsea zahlt sich aus

    Der Mut, den die Blues gezwungenermaßen aufbringen mussten, könnte sich aus­zahlen, das sehen auch die erfah­renen Mann­schafts­kol­legen, denn die jungen Spieler, die plötz­lich auf dem Platz stehen „haben die Qua­lität und großes Poten­tial, eines Tages die besten Spieler der Liga zu werden“ , wie der 31-jäh­rige Wil­lian betonte, aus­ge­rechnet nach der 0:1‑Niederlage gegen Valencia in der Cham­pions League gegen­über The Ath­letic. „Ich erwarte viel von ihnen, aber wir müssen ihnen Zeit geben. Die Fans müssen ihnen Zeit geben, weil es eine neue Reise ist.“

    Auch Klopp schwärmt

    Jürgen Klopp auf Facebook: „Den Leuten die sagen, Chelsea hätte kein starkes Team, kann ich wirklich nicht mehr helfen. Chelsea hat ein sehr starkes und junges Team. Sie sind frisch und haben Ihre Club Legende als Trainer.“

  • Schotterplatz #14 Walerij Lobanowskyj – ein Porträt

    Schotterplatz #14 Walerij Lobanowskyj – ein Porträt

    In Westeuropa assoziiert man mit Valery Lobanowski (so die verbreitete westeuropäische Schreibweise) einen dicklichen, schweigenden Mann mit Schiebermütze und Pausbacken. Eine Art Boris Jelzin an der Seitenlinie. 

    Bei Lobanowski ging anderes als Wodka durch den Kopf

    Lobanowski war die Trainerkoryphäe hinter dem Eisernen Vorhang. Der Ukrainer war ab der Saison 1974 17 Jahre für Dynamo Kiew aktiv. Er war der erste, der Rasenschach spielte, der eigene Spielsysteme entwickelte und die Art des Trainings revolutionierte. Er war seiner Zeit weit voraus. Vielleicht manchmal ein kleines Stück zu weit.

    Ihm gelang es, die russische Dominanz im sowjetischen Fußball zu brechen. Er war wissbegierig und saugte alles auf, was der Sport seinerzeit zu bieten hatte. Er hospitierte Anfang der 70er Jahre bei den führenden deutschen Teams Bayern München und Borussia Mönchengladbach. Er analysierte, kopierte und modifizierte verschiedene Elemente ihres Fußballspiels. 

    Ein Vor- und Querdenker

    Schließlich entwickelte er ein eigenes System. Er löste die damals wichtige Position des Liberos auf und führte eine doppelte Viererkette ein (4-4-2). Ein Nachteil für jedes Team, das mit Libero spielte – wie es bis in die späten 80er Jahre fast alle taten. Der Libero agierte als einziger ohne direkten Gegenspieler, während ihm der Rest der Mannschaft durch eine Manndeckung den nötigen Platz verschaffte.

    Lobanowski knackte das System, indem er mit zwei Viererketten und davor zwei Stürmern spielte. Das etwas statische System um den Libero herum wurde durch ein sehr flexibles Mittelfeld, das keine festen Gegenspieler, sondern Räume abdeckte, überwunden. Die Gegner wetzten ständig konfus Lobanowskis Spielern hinterher. Dieses neuartige System brauchte passende Spieler. Lobanowski legte auf Vielseitigkeit wert: Verteidiger mussten Tore schießen und seine Stürmer verteidigen können. Eigenschaften, die nach wie vor sehr gefragt sind – denn die Grundform 4-4-2 ist bis heute das vorherrschende Spielsystem.

    Vorbild für die ganz Großen

    Lobanowskis größter Erfolg: der zweite Platz bei der EM 1988, den er in Doppelfunktion als Dynamo- und Nationaltrainer mit der Sowjet-Nationalmannschaft erreichte. Erst im Finale mussten sich die „Roten Sputniks“ den Niederländern geschlagen geben, die im Vorrundenspiel noch besiegt wurden.  

    Trainer wie Arrigo Sacchi, Franz Beckenbauer, Thomas Tuchel und Ralf Ragnick zählen Lobanowski zu ihren großen Vorbildern. Vor allem die offensive und attraktive Spielweise der Niederländer, der „Voetbal Totaal“, war durch Spielsysteme inspiriert, die Lobanowski schon früh entwickelte. 

    Visionär im Sozialismus

    Seine visionären Ideen betrafen auch die Trainingssteuerung. Neben einem riesigen Trainerstab, der obendrein andere Sowjet- Athleten betreute, holte er sich den Physik-Professor und Dozenten am Kiewer Institut für Körperkultur, Anatoli Zelentsow, mit ins Boot. Sie durchleuchteten das scheinbar ungeordnete Spiel nach wissenschaftlichen Kriterien.

    In das Trainingszentrum von Dynamo Kiew zog damalige Hochtechnologie ein. Parameter aus dem Trainingsprogramm für sowjetische Kosmonauten werden zum Übungsaufbau herangezogen. Druckkammern, die Höhenluft bis zu 7000 Metern simulierten, beschleunigten die Rehabilitation verletzter Spieler. Über die Fitness wachte Professor Zelentsow, der den aktiven Spielern jeden Morgen die Werte abverlangte und dem kein Bier vom Vortag verborgen blieb. 

    Der Trainer und sein Professor

    Computer wurden gespickt, riesige Datenbanken angelegt, später kamen umfangreiche Archive zahlreicher Magazin- und Fachzeitschriften sowie jede Menge Videomaterial hinzu. Mit Hilfe dieser Daten wurden Gegner analysiert und die jeweilige Taktik zusammengetüftelt. Lobanowski überließ nichts dem Zufall. In Zusammenarbeit mit Zelentsow wurden individuelle Trainingspläne erstellt. Er „formte“ sich die Spieler, die er für sein Spielsystem brauchte. Mit eiserner Disziplin.

    Diese wissenschaftliche und analytische Herangehensweise funktionierte: 1975 wollte Coach Lobanowski sein Dynamo-Team aus Furcht vor einer Blamage zu den Spielen um den europäischen Supercup gar nicht antreten lassen. Selenzow nahm dem Freund die Versagensangst mit dem Hinweis auf die errechneten Daten. Der Gegner werde zum Zeitpunkt des Anpfiffs nicht fit genug sein. Lobanowski gab nach und Dynamo gewann 1:0 und 2:0 gegen Bayern München. 

    Erst verschrottet, dann kopiert

    Nach dem Niedergang der Sowjetunion wurden kritische Stimmen laut und behaupteten, Valery Lobanowski forme in seinem Labor Spieler zu Robotern. Im Laufe der 90er Jahre wurden die seltsamen Methoden des Duos verlacht: Lobanowskis ständige Taktikschulungen und Selenzows Datensammelwut plus seine speziellen Ernährungspläne wurden als schrullig empfunden und als veraltet abgetan. Sie verschwanden im Müll.

    Dabei sind es genau diese Methoden, mit denen heute jedes moderne Ausbildungszentrum arbeitet. Vitalchecks, individuelle Ernährungs- und Trainingspläne gehören zum Standard des Profi-Daseins. 

    Kein Interesse an der ehemaligen Konkurrenz

    Lobanowski blieb vorerst in Kiew, auch wenn ihn viele seiner Schützlinge im Zuge der Perestroika gen Westen verließen. Er wollte nicht in eine der Ligen des Westens. Auch wenn großes Interesse an seinem Wissen und seiner Arbeit bestand.

    Ihn konnten nur die Herrscher und Scheichs der Emirate und Kuwaits mit Gold und Dollars locken, um mit ihm ein Fußball-Reich im Morgenland aufzubauen. Dennoch interessierte ihn vorrangig, wie bei den großen Clubs in Europa gearbeitet wurde. Er wollte stets über Neuerungen in der Trainingssteuerung und die „modernen“ Taktiken Bescheid wissen. Zurückgezogen verfolgte er die Spiele der Champions League. Weil Lobanowski „richtiger Fußball“ liebte und lebte, verließ er den Orient samt seinem Luxus schon nach zwei Jahren wieder.

    Lobanowskis letzte Rückkehr nach Kiew

    Sein alter Club in  Kiew rief 1997 nach Hilfe. Nach einem Bestechungsskandal war Dynamo vom internationalen Wettbewerb suspendiert worden. Der mittlerweile 58-jährige Lobanowski erwies sich als Retter in der Not und brachte den Club wieder auf die Spur. 1999 erreichte Kiew das Halbfinale der Champions League und schied nur knapp gegen den FC Bayern München aus. Im Jahr 2000 übernahm Lobanowski zum dritten und letzten Mal die Ukrainische Nationalmannschaft. Er starb am 13. Mai 2002 mit nur 63 Jahren an einem Schlaganfall. Auf der Trainerbank. Wo sonst?

  • Schotterplatz #13 Wer stößt im Sturm?

    Schotterplatz #13 Wer stößt im Sturm?

    Eine Frage die sich Jogi Löw jedes Spiel aufs Neue stellen muss. Die deutsche Nationalmannschaft hat keinen „richtigen“ Stürmer mehr.

    Keinen Stoßstürmer. Keinen Strafraumstürmer. Niemand, der vorne steht, Gegenspieler bindet und taktisch gekonnt Lücken reißt. Neuerdings auch Box-Stürmer genannt. Es fehlt Jemand, der den schnellen und dribbelstarken Spielern wie Timo Werner, Leroy Sané oder Serge Gnabri Räume öffnet, die sie nutzen können. Ach ja, Tore schießen sollte er als Stürmer auch können. Miroslav Klose war so jemand. Nachdem er nach dem WM-Triumph 2014 mit 36 Jahren unerwartet und viel zu früh zurückgetreten ist, fehlt dem DFB-Team ein Stoßstürmer. Möchte Löw in naher Zukunft einen Titel gewinnen, sollte er einen entsprechenden Spieler finden. 

    Es gibt diesen Stürmertyp in Deutschland kaum

    Es wird dünn, wenn man sich nach Kandidaten umschaut, die sofort helfen könnten. Da gibt es Davie Selke von Hertha BSC. Er war 2014 U19-Europameister und wurde zum besten Spieler des Turniers gewählt. Das klingt vielversprechend. Der mittlerweile 24-Jährige beweist jedoch jedes Wochenende aufs Neue, dass er kein Interesse an der vakanten Position hat. Anders ist sein Herumgestolpere nicht zu erklären. Im Moment ist er bei Hertha Stürmer Nr. 2 hinter dem 35- jährigen Vedad Ibisevic. 

    Wer käme noch in Frage?

    Ein richtiger Stoßstürmer war Selkes Vorgänger bei Hertha: Pierre-Michel Lasogga. Sein Name fiel damals häufiger, wenn es um die Zukunft im DFB Sturm ging. Der Spieler war aber mittlerweile leider Angestellter des HSV und wurde nach allen Regeln der Kunst verschlissen. Vor allem die Saison 2014/15 setzte ihm zu. Die Hamburger befanden sich im Abstiegskampf. Lasogga wurde Spiel um Spiel trotz muskulärer Verletzungen fit gespritzt. Der HSV durfte aufgrund seiner Tore vorerst in der Liga bleiben. Der Spieler hat sich aber nie wieder von dieser Tortur erholt. Mittlerweile spielt er in Katar beim Al-Arabi Sports Club. Dort leckt er in einer 4. klassigen Liga seine Wunden. Mit gerade einmal 27.

    Denkt man an einen anderen Strafraumspieler mit Physis und Bundesligaerfahrung, kommt einem noch Sandro Wagner in den Sinn. Doch dieser wurde von Löw erfolgreich vergrault. Der heute 31 jährige wurde vor der WM 2018 überraschenderweise ausgebootet. Der Bundestrainer entschied sich damals, nur Mario Gomez (a.k.a. Stolper-Gomez) als Strafraumspieler mitzunehmen. Eine umstrittene Entscheidung. Nach einem kurzen Intermezzo bei Bayern München flüchtete Wagner demonstrativ nach China. Hauptsache weit weg von Jogi Löw. 

    Die Zukunft im DFB Sturm sieht rosiger aus

    Was sagt denn die Zukunft? Es gibt durchaus Kandidaten, die sich für einen Platz im Sturm anbieten. Bewusst wird hier das Wort „Zukunft“ benutzt. Zu nennen wären Cedric Teuchert (22), Janni Serra (22), Aaron Seydel (22), Johannes Eggestein (21) und Jann Fiete Arp (19). Diese Spieler wissen zwar alle wo das Tor steht, aber sie sind jung und unerfahren. Löw braucht clevere Box-Stürmer. Eine Cleverness, die man sich erst aneignen muss. Zudem spielen nur Arp und Eggestein in der 1. Liga. 

    Es bietet sich bisher nur einer für Jogi an

    Jan-Fiete Arp hat vor der Saison auch noch den Selbstzerstörungsmechanismus betätigt. Das vielversprechende Talent ist mit 19 Jahren und der sagenhaften Erfahrung von 18 Bundesligaspielen und 2 Toren vom HSV zum FC Bayern München gewechselt. Dort spielt der momentan beste Stürmer weltweit: Robert Lewandowski. Momentan hält sich Fiete in der Reservemannschaft fit. 

    Kein Wunder, dass die Rufe nach dem Bremer Stürmer Eggestein lauter werden. Man kann auf Löws Reaktion gespannt sein. 2020 ist schon die Europameisterschaft. Bis dahin muss er wohl einen der oben genannten Spieler aufbauen. Nur erspare uns eines, Jogi: nimm nicht wieder Mario Gomez mit!!!  

    Gedankenspiel

    Man könnte versuchen, Robert Lewandowski mit viel Geld dazu bringen, sich einbürgern zu lassen. Dafür müsste der Pole jedoch vorweisen, dass er auf deutschem Territorium geboren ist. Oder ein Elternteil, oder ein Großelt…lassen wir das. Geschichtlich ganz dünnes Eis… Aber zum Glück erfüllt er die zweite Voraussetzung auch nicht. Er darf noch nicht für ein anderes Land gespielt haben. Er hat 2008 für Polen debütiert. Schade.

  • Schotterplatz #12               Juan Román Riquelme –                  ein Portrait

    Schotterplatz #12 Juan Román Riquelme – ein Portrait

    Vielleicht betrat Román die Bühne des Weltfußballs 10 Jahre zu spät. Er war ein Spielmacher alter Prägung. Ein feines Füßchen. Wie an einer unsichtbaren Leine, wich der Ball nicht von Riquelmes Fuß. Außer sein Herrchen wollte es so. Ballannahme, geschmeidige Körperdrehung, dann noch eine und dann der Traumpass.

    Unter dem Radar

    In den späten 90er Jahren des letzten Jahrtausends und in den frühen Nullerjahren dieses Jahrtausends vertraten große Namen wie Gabriel Batistuta, Hernán Crespo, Javier Zanetti oder Diego Simeone den argentinischen Fußball in Europa. Juan Román Riquelme haben hingegen nur die Wenigsten im Notizbuch. Er ist keiner der Spieler, den die Europäer zwangsläufig kennen, geschweige denn als „großen Namen“ im Kopf haben. Beschäftigt man sich einmal näher mit Riquelme, kommt die Frage auf: Warum eigentlich nicht? Vor allem, weil er doch auch in Europa seine Fähigkeiten unter Beweis stellen konnte.

    Nach zahlreichen Titeln mit den Boca Juniors Buenos Aires, sicherte sich im Sommer 2003 kein geringerer Verein als der FC Barcelona die Dienste des argentinischen Spielmachers. Im besten Fußballalter von 24 Jahren zog es Riquelme also nach Spanien

    Missverständnis Barcelona

    Der damalige Vereinspräsident Barcelonas, Joan Gaspart, hielt große Stücke auf den Star der Boca Juniors. Leider war Riquelme kein Wunschspieler von Trainer Louis van Gaal. Der knurrige Holländer war ein hervorragender Taktiker. Er installierte ein temporeiches Umschaltspiel Alles musste sich seiner Idee unterordnen.

    Román war jedoch ein ruhiger Spielmacher, der es gewohnt war das Spiel zu führen. Der es gewohnt war, dass die Mannschaft sich nach ihm richtet. Das passte nicht in das System van Gaals. Riquelmes unaufgeregtes Spiel mit Ball am Fuß, Tempoverschleppung und Zuckerpässe, das war kein neumodischer Powerfußball.

    Nach nur einem Jahr verließ er die Katalanen wieder. Das Missverständnis wurde geklärt. Obwohl Riquelme alles mitbrachte, was ein Weltklasse Spieler braucht. Ein Virtuose am Ball, geniale Geistesblitze, gefährliche Pässe in die Tiefe. Sein intelligentes Spiel ohne Ball. Seine Abschlussstärke. Er konnte eigentlich alles. Alles, was das Spielsystem van Gaals nicht brauchte. 

    Neuanfang in Villareal

    Nach seinem Aus bei Barcelona zog es Juan Román Riquelme zum FC Villareal. In der Spielzeit 2004/2005 spielte er dann ohne den launischen Van Gaal im Rücken groß auf. Er führte Villareal bis auf Platz drei in der Primera Division und wurde zum besten ausländischen Spieler der Liga gekürt. Das „gelbe U-Boot“, so der Vereinsspitzname, erreichte mit dem Argentinier 2006 das Halbfinale der Champions League. Es ist bis heute der größte internationale Erfolg in der Vereinshistorie. 

    Dennoch brachte es Riquelme außerhalb von Argentinien und Villareal nicht zu großer Bekanntheit. Vielleicht, weil  er nie wirklich einen international beachteten Titel gewann. Vielleicht weil er nur mit einem „kleinen“ Verein in Europa erfolgreich war.

    Ritterschlag von ganz oben

    Eine der vielen Fußballlegenden Argentiniens, Jorge Valdano schwärmte einst sehr poetisch über Riquelme: sinngemäß sagte er, dass Riquelme mit dem Auto lieber die langsamen, schönen Wege fährt um die Aussicht zu genießen, anstatt schnell auf der Autobahn zu rasen um ans Ziel zu kommen. Das trifft es ziemlich genau. Er war ein romantischer Ausnahmespieler. Einer, der das Spiel lieber schön machte und jede Ballberührung auskostete. Der nicht nur auf Effizienz ausgerichtet spielte.

    Ein Spieler, dessen Abgang wie sein Spiel mit dem Ball war. Still und unaufgeregt.

  • Schotterplatz #10                Wie mich Berlin auf dem falschen Fuß erwischte

    Schotterplatz #10 Wie mich Berlin auf dem falschen Fuß erwischte

    Frauen WM also. Nicht, dass ich ein generelles Verbot für Frauenfußball fordere. Ich will es bloß nicht sehen.

    Ich fand es immer lächerlich, dass eine Frauen WM oder EM so stark beworben wird. Guckt doch eh keiner. Ob in Berlin-Schöneberg überhaupt irgendjemand mitbekommen hat, dass aktuell die WM der Damen läuft? Vielleicht. Aber wie Deutschland spielt? Ganz sicher nicht. Recherchen vor der eigenen Haustür – ich wage mich ins Feld. Getrieben der festen Überzeugung, dass sich hier nix und niemand für die weiblichen Kickerinnen interessiert

    Ich nahm mir ein Buch mit, damit ich mich lesend stellen konnte. Ich könnte mir meine Gesprächspartner dann leichter raussuchen. Gedacht, getan.

    Erste Lehrstunde

    Als erstes nähere ich mich einer Gruppe Jugendlicher. Halbstark. Am Kiffen. Was man halt so macht mit 17, 18. Ein einziges Mädchen mit dabei. Ich male mir aus, wie die Jungen großmäulig auf Frauenfußball herumhacken, während das Mädel verschüchtert daneben sitzt. 

    Ich also:

    „Jungs, darf ich euch mal was fragen? Wisst ihr, was gerade für ein Turnier läuft?“

    Wie? Leichtathletik oder was?(Haha, ich hatte sie!)

    „Nein, ein Mannschaftssport. Turnier.“

    „Ach, Sie (Du!)meinen Fußball? Frauen-WM oder was?“ (Verdammt…)

    „Wie findet ihr denn Frauenfußball? Guckt ihr das?“

    „Also, wenn ich vom Fußballtraining komme und mich kurz ausruhe, gucke ich mir das schon an.“

    „Aber das ist doch viel langweiliger als Männerfußball. Die Nationalmannschaft der Frauen verliert doch gegen jede bessere B-Jugend.“

    „Ja natürlich, die sind ja auch vom Körper her schwächer. Ist halt so“

    Die ganze Runde nickt zustimmend. 

    Das Mädchen hatte bisher geschwiegen, also frage ich sie nach ihrer Meinung zur Frauen-WM.

    „Nix.(Ha!) Mag keinen Fußball. Ich mache Boxen.“(Oh, okay.) 

    Soso, der Nachwuchs heute ist dem weiblichen Profisport auf dem Platz gegenüber also aufgeschlossen – oder zumindest an beiden Geschlechtern gleichermaßen desinteressiert. Oder hatten die Jungs nur Angst vor ihrer boxenden Begleiterin und haben sich deshalb nicht getraut über Frauenfußball zu lästern?

    Einschätzungen aus dem Inneren einer Erdbeere

    Ich setze meine investigative Reise fort. Vor mir taucht eine riesige Erdbeere auf. Darin eine Verkäuferin, die aufgrund der hohen Außentemperaturen, die sich in der nichtklimatisiserten Erdbeere vervielfachen, schwitzend vor sich hin starrt. 

    „Hallo, haben Sie Lust, sich mit mir über Frauenfußball zu unterhalten?“

    „Über watt?“ (Aha!)

    „Im Moment läuft die Frauenfußball-WM. Wie ist Ihre Meinung dazu? Finden Sie, dass dieses Event zu viel beworben wird? Und was denken Sie darüber, dass das Ganze durch die allgemeinen Rundfunkgebühren finanziert wird?“

    „Also, so doll können se ja nich jeworben haben, sonst wüsste ick ja davon. Und unsere Rundfunkgebühren…Hörnse uff. Wir zahlen doch für jeden Scheiß, der da kommt. So lang se Rote Rosen nich absetzen, ist mir dit ejal. Ick muss jetzt ooch weitermachen.“

    Kurz und ehrlich. Na gut.

    Beste Leben Dank voll guter Quote

    Ich schlurfe weiter. Hipster Café. Davor eine Gruppe muskelbepackter Araber.

    „Hey, Leute! Ich wollte euch mal über etwas befragen. Habt ihr kurz Zeit?“

    „Über Gangkriminalität, wa? Dann verpiss dich!“

    „Nee, ich wollte eigentlich über Frauenfußball reden. Wisst ihr, dass gerade WM ist?“

    „Haha, ja, man. Gibt voll gute Quoten im Wettbüro! Geh ma gucken. Hab gestern 500 Euro gewonnen, Junge.“

    „Aber nervt euch der ganze aufgezwungene Hype nicht? Zu viel Werbung im Fernsehen und so?“

    „Kein Plan. Ich gucke kein deutsches Fernsehen. Nur Satellit.“

    Ok. Hier ist wohl auch kein seriöser Stimmfang möglich. Ich verabschiede mich höflich. Einer ruft mir laut hinterher: 

    „…und Wettbüro! Beste Leben, ja?!“

    Vermutlich will er damit ausdrücken, dass er momentan eine Glückssträhne beim Sportwetten hat. Gut, bei Frauenfußball… Man kann ja mittlerweile auf alles wetten.

    Kaffeeservice für Kickerinnen? Historische Niederlage!

    Kritische Stimmen zur Fußball-WM der Frauen? Fehlanzeige! Da entdecke ich eine Passantin, von der ich aufgrund ihres Erscheinungsbildes vermute, sie sei sie gänzlich gegen Kommerz. Aber kann ich mich überhaupt noch auf meine Einschätzungen verlassen? Bisher wurde ich von allen Seiten eines besseren belehrt. Naja, einen Versuch ist es wert.

    „Hallo! Ich höre mich gerade mal wegen der Frauenfußball-WM um. Wissen Sie, dass die gerade ist?“ 

    „Nein, das wusste ich nicht.“

    „Finden Sie das gut, dass so viel Werbung überall ist und so ein Tamtam darum gemacht wird?“

    „Ja, na klar. Ich kann das nur gutheißen mit der Werbung. Endlich wird das mal ebenbürtig übertragen und beworben. Wissen Sie, dass die bei ihrem ersten Titel ein Kaffeeservice bekommen haben? Das ist doch eine Frechheit, finden Sie nicht?“ 

    „Ja klar, das kann wirklich nicht angehen!“

    „… und überhaupt, haben Sie schonmal darauf geachtet, was hier los ist, wenn eine Männer-Weltmeisterschaft ist? Also, dann wird es ja richtig pervers mit der Werbung. Dann kann man wirklich nirgendwo hingucken, ohne mit Fußball konfrontiert zu werden!“

    Damit hatte ich nun wirklich keinen Wind mehr in den Segeln.

    Ehrliches Leder, statt goldener Kuhhaut

    Etwas abgekämpft von meinem investigativen Spaziergang mache ich Pause an einem Späti. Ich habe mir ein kühles Bier verdient. Das war bisher wirklich ernüchternd. Gibt es denn wirklich niemanden, dem die ganze Scheiße auch auf den Sack geht? Oder ist mein Desinteresse gegenüber dem Frauen-Fußball wirklich zu radikal?

    Zwei Bauarbeiter kommen an meinen Stehtisch in der Sonne und öffnen ihre Biere. Mich interessiert, was die beiden über Frauenfußball denken – mich kann heute nichts mehr schocken. Also frage ich so ehrlich wie direkt:

    „Sagt, was haltet ihr denn von Frauenfußball? Wisst ihr eigentlich, dass gerade WM ist?“ 

    „Klar, wir jehn glei kieken.“

    „Aber warum? Das macht doch keinen Spaß. Das ist viel zu langsam. Das ist doch kein Spitzensport“, platzt es aus mit raus.

    „Kleener, dit is uns aber ejal. Die trainieren jenauso viel und müssen noch nebenbei arbeiten. Die sind sind alle beie Bulln oder beie Armee. Die müssen arbeiten jehn und der Ribéry jeht hier n joldenet Schnitzel essen.“

    (Tja, Froonk (Ribéry), das wirste nicht mehr los. War zwar ein Steak mit Blattgold, aber das fliegt dir jetzt um die Ohren.) 

    „Die sind alle überbezahlt. Dit is doch pervers. Dann kiek ick lieber ehrlichen Fußball. Auch wenns langsamer ist. Dit sind unsere Mädels! Die reißen sich wenigstens den Arsch uff! Unterstützung!“

    Sie hatten mich. Bauarbeiter, die Unterstützung für den ehrlichen Frauenfußball proklamierten. Und ich? Voll von Vorurteilen und einer sportlichen Einstellung von anno 1972. Ehrlichkeit und Herz plus der sportliche Gedanke zählen für die meisten halt doch mehr. 

    Beim Männerfußball wird ja mittlerweile der Sport dem Kommerz untergeordnet. Mafia-ähnliche Strukturen bei der FIFA. WM-Vergaben in Wüsten- und Schurkenstaaten. Es ist alles das, was Sport nicht sein soll: ungerecht, unsportlich und damit vielleicht tatsächlich auch überbewertet.

    Ich denke, ich sollte mir vielleicht auch mal ein Spiel ansehen. Oder wenigstens drauf wetten…



  • Schotterplatz #5              Unsere kleine Farm

    Schotterplatz #5 Unsere kleine Farm

    Talente aus England also. Der heiße Scheiß. Wer was auf sich hält, holt einen Bubi von der Insel. U 18 Premier League. Talente in Hülle und Fülle gibt es da. Aber bleiben die?

    Bundesliga als Schaufenster?

    Jadon Sancho vom BVB ist das beste Beispiel. Wenn man mal als Fan des deutschen Fußballs länger drüber nachdenkt, hat die Sache einen Haken: Die Bundesliga ist oft nur ein Sprungbrett. Sobald die Talente zu guten bis sehr guten Bundesligaspielern gereift sind, werden sie für die finanzstarken, englischen Vereine wieder interessant. Es ist dann sehr wahrscheinlich, dass die Spieler wieder in ihre Heimat zurückkehren. Ablösesummen von 50 Millionen + x schüttelt man auf der Insel aus dem Ärmel. Für gute, junge Spieler. Dann auch noch Landsmänner. Oder man lässt sich gleich ein Vorkaufsrecht in den Vertrag schreiben, zu dem man seine Spieler zurückholen kann. Wer will es den Vereinen übel nehmen?

    An die eigene Nase packen

    Radikale deutsche Fußballfans könnten schimpfen: Wir bilden hier doch nicht für die Inselaffen weiter! Fördert lieber unsere deutschen Talente! Tja… kommt halt nicht mehr viel. Die goldenen Jahre waren 2008 und 2009 wo erst die U19 Europameister wurden, 2009 folgten dann die U17 und die U21 – mit Manuel Neuer, Jerome Boateng, Benedikt Höwedes, Mats Hummels, Sami Khedira und Mesut Özil bildeten fünf Jahre später obendrein gleich sechs U21-Europameister das Gerüst für den WM-Triumph in Brasilien. Tja. Danach war nicht mehr viel. 2014 wurde die U19 Europameister und 2017 die U21. Das ist eine eher magere Ausbeute, wenn man an die Blütezeit anknüpfen will.

    Das deutsche Konzept weiterentwickelt

    Man muss den Engländern einfach mal Respekt zollen. Die haben mittlerweile hochprofessionelle Leistungszentren und eine starke Jugendliga. Kein Wunder, dass da ständig neue Rolls Royces vom Band fahren. Die Spieler dort werden etwas anders ausgebildet. Nicht von Konzepttrainern am Reißbrett zu Systemrobotern. Die alle Spielsysteme aus dem Effeff kennen, aber nicht mehr das 1:1 Dribbling suchen. Zu wenig Individualität. Welche bei knappen Spielen den Unterschied ausmachen kann.

    Von anderen lernen

    Was das betrifft, kann man ruhig mal etwas Input aus dem Ausland zulassen. Zum Beispiel die Jungs einfach mal wieder ein bisschen mehr knödeln lassen.

    Wenn das gelingt, wird die Bundesliga auf lange Sicht nicht zur Farmliga für die englischen Vereine werden. Die Gefahr besteht gegenwärtig, keine Frage.


  • Schotterplatz #4                   Red Bullinho

    Schotterplatz #4 Red Bullinho

    Das Interesse von Red Bull am Fußball ist bekannt. Man engagiert sich bereits in Europa (Red Bull Salzburg, RB Leipzig) und in Nordamerika (Red Bull New York). Allen, die dem Marketingkonstruckt kritisch gegenüberstehen, wird folgende Nachricht nicht schmecken. Denn der Zuckerbrause-Hersteller möchte nun auch Südamerika erobern. Zwar wurde 2007 schon RB Brazil gegründet, der Verein spielte jedoch bisher keine Rolle auf dem Kontinent. Der Club qualifizierte sich nur zweimal für die 4. brasilianische Profiliga.

    Eine typische Red Bull – Idee

    Um sich ernsthaft zu etablieren, braucht man jedoch einen höherklassigen Verein, einen mit Potential für das Red Bull – Konzept. Kurzerhand stieg der Brausegigant beim Zweitligisten CA Bragantino ein, indem der Club mit Red Bull Brazil fusionierte. Als RB Bragantino nimmt man die Hintertür in die Serie B und kann ab Saisonbeginn, Ende April, direkt in der zweiten Liga angreifen… ohne sich sportlich für eine der vier nationalen Ligen qualifiziert zu haben.

    Wieder einmal ein Schachzug, der allenfalls pfiffig ist. Er macht aber nicht gerade beliebt.

    Unpopuläre Methoden

    Denn schon beim Engagement in Deutschland waren die Methoden zweifelhaft. Man konnte sich nicht einfach „Red Bull Leipzig“ nennen. Werbliche Vereinsnamen sind hierzulande nämlich untersagt, außer für Clubs wie Bayer Leverkusen oder Carl Zeiss Jena. Die dürfen diese Namen tragen, weil sie traditionell so heißen, weil sie einst als Werksportclubs gegründet wurden. Also nannte sich der Verein nun einfach RB Leipzig, offiziell „RasenBallsport“…

    Red Bull meint es wohl diesmal ernst

    Jetzt macht Red Bull offenbar ernst in Brasilien. Gleich in der ersten Saison werden umgerechnet rund zehn Millionen Euro für Investitionen in Mannschaft und Stadion bereitgestellt. Von nun an ist davon auszugehen, dass wohl ein Großteil der talentierten Kicker auf diesem Kontinent von Red Bull verpflichtet oder zumindest überprüft werden. Jedenfalls ist es schwer vorstellbar, dass Red Bull sie nicht als erstes findet. Ein eigener Fußballclub/ eigene Filiale auf dem Kontinent, entsprechende Scouts und gute Kontakte, die wahrscheinlich schon längst geknüpft sind, bieten einen klaren Wettbewerbsvorteil. Das Netz der Bullen wird engmaschiger, weltumfassender. Muss man nicht gut finden.